Daoismus


Der Daoismus (chinesisch 道教 dào jiào – „Lehre des Weges“), gemäß anderer Umschriften auch Taoismus, ist eine chinesische Philosophie und Weltanschauung. Er wird als Chinas ursprüngliche und authentische Religion angesehen. Seine historischen Ursprünge gehen weit über 5.000 Jahre bis in die neolithische Zeit zurück. Sowohl die Schriften von Huang Di (der „Gelbe Kaiser“)  vor ca. 4.700 Jahren, als auch das im 4. Jahrhundert v.  Chr. entstandene „Dao De Jing“ (in älteren Umschriften: Tao Te King, Tao Te Ching, u.a.) des Gelehrten Lao Tse (Lao Zi, Lao-Tzu) bilden elementare Grundlagenwerke.

Neben dem Konfuzianismus und Buddhismus ist der Daoismus eine der drei Lehren (三教 sānjiào), durch die China maßgeblich geprägt wurde. Diese drei Lehren haben weit über China hinaus einen wesentlichen Einfluss auf die Religion und Geisteswelt der Menschen ausgeübt. In China beeinflusste der Daoismus die Kultur wesentlich in den Bereichen der Politik, Wirtschaft, Philosophie, Literatur, Kunst, Musik, Ernährungskunde, Medizin, Chemie, Kampfkunst, Geographie und Geomatie.

 

Entstehung

Kopie von drachenstadt- KopieWann genau die daoistische Lehre entstanden ist, ist in der Welt der „Wissenschaft“ umstritten. Der Wu-Mythologie zufolge, geht sie direkt auf das Wissen der Allerersten zurück, höherer Lebensformen, die vor ca. 12.000 Jahren auf die Erde kamen und die Menschen unterwiesen.

Der Daoismus hat in einem langen Entwicklungsprozess Form angenommen, wobei fortlaufend Strömungen des Altertums integriert wurden. Mit der daoistischen Lehre wurde viel Gedankengut aufgegriffen, das in China zur Zeit der Zhou-Dynastie (1040–256 v. Chr.) weit verbreitet war. Dazu gehören die kosmologischen Vorstellungen von Himmel und Erde, die fünf Wandlungsphasen (Wu Xing), die Lehre vom Qi (Energie), Yin und Yang und das Yi Jing (I Ging), aber auch die Tradition der Körper- und Geisteskultivierung, mittels deren mit Atemkontrolle und anderen Techniken wie Tai Ji Quan und Qi Gong, Meditation, Visualisation und Imagination, Sexual-Magie, Alchemie und magischen Techniken eine zumeist geistige Unsterblichkeit erreicht werden sollte. Die Suche nach Unsterblichkeit war ein zentrales Thema des Daoismus und geht auf sehr alte Glaubensinhalte zurück. Auch im Zhuang Zi, einem daoistischen Klassiker aus dem 4. Jh. v. Chr., werden bereits die Xian erwähnt, die Unsterblichen, deren wichtigste der Gelbe Kaiser (Huang Di) und die „Königinmutter des Westens“ (Xi Wang Mu), sind. Es handelt sich dabei um Persönlichkeiten, die schon in der Shang-Zeit im 2. Jahrtausend v. Chr. bzw. davor nachgewiesen sind.

 

Verbreitung

image5Aufgrund der verschiedenen Ausprägungsformen, der unklaren Abgrenzung zu anderen Religionen und der mangelnden statistischen Erfassung in der Volksrepublik China ist die genaue Anzahl der heutigen Anhänger des Daoismus nur schwer zu erfassen. Ca. 8 Millionen Daoisten leben aktuell in Taiwan, wo viele Anhänger daoistischen Schulen, Zuflucht vor der Verfolgung durch die kommunistische Kulturrevolution suchten.

Die daoistische Vereinigung in der Volksrepublik China geht von ungefähr 60 Millionen daoistischen Gläubigen innerhalb Rot-Chinas aus. Aber auch unter den weltweitenÜbersee-Chinesen und in anderen asiatischen Ländern wie Malaysia, Singapur, Vietnam, Japan und Korea ist der Daoismus verbreitet.

 

Lao Tse, der Verfasser des „Dao De Jing“

mmexport1443336815127Wohl das wichtigste Werk des Daoismus ist der Klassiker des „Dao De Jing“. Es wurde von Lao Tse (chinesisch 老子 ‚Der Alte Meister‘) auf Anordnung eines Zollbeamten verfaßt, der ihn an seiner Weiterreise nach Westen hinderte, wenn er nicht sein Wissen als Vermächtnis für die Menschen aufschreiben und somit hinterlassen würde.

Lao Tse lebte zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen im 6. Jahrhundert v. Chr., einer Zeit die von Unruhen und Kriegen geprägt war. Sie stellt eine Blütezeit der chinesischen Philosophie dar, da viele Gelehrte sich Gedanken machten, wie wieder Frieden und Stabilität erreicht werden könnten. Man spricht daher auch von der „Zeit der Hundert Schulen“. Das Dao De Jing enthält eine solche Lehre, die sich an den Herrscher richtet und Frieden hervorrufen sucht.

In seiner heutigen Form wird es in zwei Bücher mit insgesamt 81 Kapiteln unterteilt. Der erste Teil behandelt das Dao, der zweite das De. Das Buch stellt jedoch keine logisch aufgebaute Konstruktion einer Weltanschauung dar, sondern erscheint vielmehr als eine Sammlung mystischer Aphorismen, die zu eigener, subjektiver Interpretation anregen. Daher entstanden im Lauf der Zeit auch mehrere hundert Kommentare als Auslegungen des Texts sowie hunderte Übersetzungen.

 

Dschuang Dsi

Zhuang Zi---NEUEin weiterer daoistischer Klassiker ist das „Nan Hua Zhen Jing“ („Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ – eigentlich „Das wahre Buch aus Nanhua“, der Stadt, aus der Dschuang Dsi stammt, der auch „der wahre Mensch aus Nan Hua“ genannt wurde). Es wurde im 4. Jh. v. Chr., kurz nach der Entstehung des Dao De Jing, von Dschuang Dsi (Zhuang Zi, Chuang-Tzu, etwa 369–286 v. Chr.) verfasst, nach dem es auch „Dschuang Dsi“ genannt wird.

In ihm wird das Wesen des Daoismus in oft paradox anmutenden Parabeln und Anekdoten erläutert, in die philosophische Diskussionen eingeflochten sind. Dschuang Dsi greift dabei einige Vorstellungen vom Dao De Jing auf, weist aber andere weit von sich. So ist zum Beispiel von der politischen Zielsetzung des Lao Tse bei ihm nichts mehr übrig. Der weltabgewandte Weise (Zhen Ren) ist hier das Idealbild.

 

Daoismus – Philosophie und Religion

16-1 - DaoismusDie Unterscheidung zwischen Daoismus als Religion und Daoismus als Philosophie, die lange Zeit von den chinesischen Begriffen Dao Jia (道家) und Dao Jiao (道教) insbesondere in der Sinologie verwendet wurde, ist begrifflich ungenau. Sie stellt vielmehr gewissermaßen ein „Hilfsmittel“ der westlichen Sinologie dar und wurde eingeführt, um die verschiedene Aspekte der langen Geschichte des Daoismus leichter beschreiben zu können. Dennoch wird auch im Chinesischen zwischen dem philosophischem Daoismus (chinesisch 道家 dào jiā) und dem religiösem Daoismus (chinesisch 道教 dào jiào) unterschieden.
Im Laufe seiner der letzten zweitausend Jahre wurden die unterschiedlichsten Lehren und Systeme herausgebildet. Heutige Sinologen sehen im religiösen Daoismus die praktische Verwirklichung des philosophischen Daoismus. Die Trennung von religiösem und philosophischem Daoismus war daher eher als Vereinfachung gedacht. Doch es herrscht besonders in der Forschung Uneinigkeit, ob diese Unterscheidung weiterhin verwendet werden sollte, weil sie der Komplexität der Sache in keinster Weise gerecht wird.

 

Das Dao

Schriftzeichen DAODas Wort „Daoismus“ leitet sich von dem Begriff „Dao“ (Tao) ab, einem Begriff der chinesischen Philosophie, der bereits lange vor der Entstehung des Dao De Jing verwendet wurde, aber erst durch diesem Text hinsichtlich seiner zentrale Stellung und besonderen universalen Bedeutung deutlicher erklärt wurde.

„Dao“ bedeutete ursprünglich „Weg“, im klassischen Chinesisch aber auch „Methode“, „Prinzip“ bzw. „der rechte Weg“. Der Begriff des Dao bedeutet eines der ganzen Welt zugrunde liegenden, alldurchdringenden Prinzips. Es ist die höchste Wirklichkeit und das höchste Mysterium, die uranfängliche Einheit, das kosmische Gesetz und das Absolute. Aus dem Dao entstehen die „zehntausend Dinge“, so auch der Kosmos und die Ordnung der Dinge, ähnlich einem Naturgesetz, doch ist dem Dao selbst kein omnipotentes Wesen zuzuschreiben, sondern Ursprung und Vereinigung der Gegensätze.

Philosophisch könnte man das Dao als jenseits aller Begrifflichkeiten fassen, weil es der Grund des Seins, die transzendente Ursache ist und somit alles, auch den Gegensatz von Sein und Nicht-Sein, enthält. In diesem Sinne kann nichts über das Dao ausgesagt werden, weil jede Definition eine Begrenzung enthält. Das Dao ist aber sowohl unbegrenzte Transzendenz, als auch das dem Kosmos, dem All immanente Prinzip.

Durch das Wirken des Dao wurde die Schöpfung durch Zweiheit, das Yin und das Yang, Licht und Schatten, hervorgebracht, aus deren Wandlungen, Bewegungen und Wechselspielen dann die Welt hervorging.

 

Daoistische Ethik

Daoistischer AdeptDie ethische Lehre des Daoismus besagt, daß die Menschen sich am Dao orientieren sollen, indem sie den Lauf der Welt beobachten, in welchem sich das Dao äußert. Denn dadurch können sie die Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen dieses Weltprinzips kennenlernen. Da das Dao sich im „Ziran“, dem „Von-selbst-so-Seienden“ (Chinesisch: 自然; Pinyin: zìrán, Wade-Giles: Tzu-yen, Koreanisch: 자연, Japanisch: 自然 (じ ね ん · し ぜ ん, jinen shizen – ist ein Schlüsselbegriff des Daoismus, der wörtlich „Selbst-so; so-aus-sich-heraus; von-selbst-so“ bedeutet, bzw. in anderen Zusammenhängen „natürlich; spontan; selbstverständlich; freiwillig; sicherlich; zweifellos.“), der Natur, offenbart, steht es für Natürlichkeit, Spontanität und Wandlungsfähigkeit. Der Weise erreicht dabei die Harmonie mit dem Dao weniger durch Verstand, Willenskraft und bewusstes Handeln, sondern vielmehr auf mystisch-intuitive Weise, indem er sich dem Lauf der Dinge anpasst.

Der Daoismus besagt, dass es im Kosmos nichts gibt, was fest ist: Alles ist dem Wandel (chin. 易, yì) unterworfen und der Weise verwirklicht das Dao durch Anpassung an das Wandeln, Werden und Wachsen, welches die phänomenale Welt ausmacht.

In den Wandlungen der Phänomene verwirklicht jedes Ding und Wesen spontan seinen eigenen „Weg“, sein eigenes Dao. Es wird als ethisch richtig erachtet, dieser Spontaneität ihren Lauf zu lassen und nicht einzugreifen, also Wu Wei, „Nicht-Eingreifen“, „Nicht-Handeln“ oder „Nicht-Erzwingen“ zu praktizieren. Die Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend, sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen. Es erscheint dem Weisen als sinnlos, seine Energie in einem stetigen Willensakt der Handlung (des Eingreifens in das natürliche Wirken des Dao) zu verschwenden. Vielmehr sollte das Tun angemessen sein. Durch den angestrebten reinen und nicht selbstbezogenen Geist soll ein Handeln möglich werden, das nicht durch eigene Wünsche und Begierden verblendet wird. Der Mensch soll einfach „geschehen lassen“.

So wird es also als klug angesehen, sich möglichst wenig in das Wirken des Dao einzumischen oder sich ihm gar entgegenzustellen. Besser als durch große Kraftanstrengungen werden Ziele verwirklicht, wenn dafür die natürlichen, von selbst ablaufenden Vorgänge genutzt werden, die durch das Dao bestimmt sind. Dieses Prinzip der Handlung ohne Kraftaufwand ist eben das Wu Wei. Indem der Weise die natürlichen Wandlungsprozesse mitvollzieht, gelangt er zu einer inneren Leere. Er verwirklicht die Annahme und Vereinigung von Gegensätzen, denn das Dao, welches das Yin und Yang hervorbringt, ist die Ursache und Vereinigung dieser beiden. Somit verwirklicht der Weise im Einklang mit den natürlichen Prozessen den Dreh- und Angelpunkt der Wandlungsphasen von Yin und Yang, die leere Mitte der Gegensätze.

Das Dao De Jing liefert die Weltanschauung, die das Ideal des daoistischen Weisen blieb: Gleichmut, Rückzug von weltlichen Angelegenheiten und Relativierung von Wertvorstellungen, sowie Natürlichkeit, Spontanität und „Nicht-Eingreifen“.

Nach daoistischer Auffassung führt nur die Übereinstimmung mit dem Dao zu dauerhaftem und wahrem Glück. Involviertheit in weltliche Angelegenheiten führt dagegen zu einem Niedergang der wahren Tugend (De). Es wird somit als ratsam erachtet, Gleichmütigkeit gegenüber Gütern wie Reichtum und Komfort zu erlangen und sich vor übermäßigen Wünschen zu hüten.

 

Daoismus als Religion

mmexport1443336845287Den Unterschied zwischen philosophischem und religiösem Daoismus, könnte man vielleicht derart fassen, dass der philosophische Daoismus das Ideal des Weisen hat, der das Dao verwirklicht, indem er eine bestimmte Geisteshaltung einnimmt, während der religiöse Daoist danach strebt, Erleuchtung zu erlangen und das Dao zu verwirklichen, indem er durch unterschiedliche Methoden wie Meditation (Qi Gong, Tai Ji Quan), Konzentration, Visualisation, Imagination (bildhaft anschauliche Vorstellungen), Atemtechniken, Alchemie, Ritual und Magie aus Geist und Körper, den Mikrokosmos, ein Abbild des Makrokosmos erschafft und auf diese Weise Eins wird mit dem Universum und dem ihm immanenten Dao.

Doch tatsächlich ist es nicht trennbar. Mann könnte eher über eine Sichtweise spekulieren, wie etwas Theorie und Praxis. Denn eine philosophische Geisteshaltung ist letztlich die Voraussetzung um Erleuchtung zu erlangen.

 

Als erstes gesichertes Datum, dass der Daoismus nicht nur als philosophische Lebenssichtweise und Einstellung, sondern auch als Religion anerkannt wurde, ist das Jahr 215 n. Chr., als Cao Cao die „Kirche der Himmelsmeister“ anerkannte. Der Daoismus weist kein geschlossenes oder einheitliches System auf, da er sich auf viele heterogene Quellen bezieht.

In vielen Schulen des Daoismus wurde nach Unsterblichkeit gestrebt, die sowohl schamanistischen Techniken, als auch „Unsterblichkeitskulte“ verinnerlicht hatten. Besonders gingen die Fang Shi (方士) aus ihnen hervor. Dies waren Zauber-Priester des chinesischen Altertums. Fang Shi bedeutet „Mann der Technik“ und in ihre Praktiken floß insbesondere das Erbe der Wu, 巫 – ein.

 

Das höchste Ziel des religiösen Daoismus ist die ewige Glückseligkeit als Xian (Chinesisch 仙/仚 / 僊 Xiān, W.-G. Hsien – Unsterblicher, Heiliger), wobei Unsterblichkeit nicht zwangsläufig physisch ist, sondern teilweise auch metaphysisch zu verstehen ist.

In allen Schulen des Daoismus streben ihre Anhänger danach, zum Ursprung zurückzukehren. Dies wird in daoistischen Begriffen z.B. „die Rückkehr zum Einen“, zur „Perle“, „die Rückkehr zum Zustand, bevor es Himmel und Erde gab“ oder „die Erschaffung des kosmischen Embryo“ genannt. Diese Rückkehr geschieht, indem der daoistische Adept ein klassifizierendes System benutzt, dessen kosmologische Grundlagen Yin und Yang (chinesisch 陰陽 / 阴阳 yīn yáng), die fünf Wandlungsphasen (chin. 五行 wŭxíng) sowie andere numerologische Koordinaten sind, und sich in den Mittelpunkt des so von ihm konstruierten Kosmos begibt und einordnet, verbindet, bestimmt und benennt, um eine Integration zu erreichen und aus der Welt ein Instrument des Geistes zu machen.

Die daoistischen Götter, auch „Unsterbliche“ genannt, haben oft keine Geschichte, andere gehen auf historische oder legendäre Personen zurück, die als bedeutend für die Entwicklung von Land und Volk angesehen werden. Sie stellen aber eher eine Inkarnation von Funktionen dar, als Individuen oder Götter im westlichen Verständnis. Neben den Göttern, von denen der Adept geheiligt wird, gibt es auch Götter, über die er befehlen kann. Die Triade der höchsten Gottheiten stellen die „Drei Reinen“ (Chinesisch 三清 sān qīng – die höchste Triade des daoistischen Pantheons; sie sind Verkörperungen des ursprünglichen Qì – 元气, yuánqì, des Dào, sowie der kosmischen Gottheit) dar.

 

Der Daoismus im Verhältnis zum Buddhismus

mmexport1443309701676Als der Buddhismus im 2. Jahrhundert nach China kam, wurde er zunächst als eine seltsam verzerrte Variante des Daoismus wahrgenommen, weil die ersten Übersetzer von buddhistischen Konzepten, Begriffe aus der daoistischen Lehre verwendeten. Außerdem besagte eine daoistische Legende, dass der Begründer Lao Tse nach Westen ausgewandert sei. In China erklärte man es sich damals daher, dass Lao Tse wohl nach Indien gekommen sei und dort als Buddha die „Barbaren“ zum Daoismus bekehrt hätte. Diese hätten die Lehre aber wohl nicht vollkommen begriffen und so sei der Buddhismus entstanden.

Durch die gegenseitige Beeinflussung von Daoismus und Buddhismus entstanden auch neue Schulen. Ein erfolgreiches Beispiel einer solchen Verschmelzung ist der Chan-Buddhismus (chinesisch  chán, W.-G. ch’an; Japanisch: 禅 zen; Koreanisch: 선 seon; Vietnamesisch: 禅 Thiền). Sein Einfluss war prägend für die chinesische Tang- und Song-Zeit. Er besteht besonders in Japan, Korea, und Vietnam als Zen-Buddhismus bis heute fort, ist auch in China noch verbreitet und gilt als der höchste Buddhismus, der den wahren Weg zur Erleuchtung lehrt.

Andere Beispiele für wechselseitige Beeinflussungen verschiedener Schulen waren die Ling Bao-Schule (靈寶派), die vom Buddhismus das universelle Heilsziel übernahm und der Quan Zhen-Daoismus (chinesisch 全真道 quánzhēn dào, auch chinesisch 全真教 quánzhēn jiao – wird als „Vollkommene Wirklichkeit“ oder „Vollkommene Integrität“ übersetzt, bzw. auch als „Schule der goldenen Blüte“ bezeichnet), der einige ethischen Regeln für Mönche und Nonnen gleichfalls aus dem Buddhismus entlehnte, während beispielsweise Ge Hong (葛洪) konfuzianische Tugenden mit einbezog.

 

Der reine authentische und unverfälschte Daoismus

Das älteste BuchEinen „reinen“ Daoismus als solchen gibt es im heutigen China nicht. Vielmehr erklärte Lao Tse in seinem Werk „Dao De Jing“, dass alle Worte und Beschreibungen eher zu Fehlinterpretationen und falschen Verständnissen führen würden. Denn Worte, die über den rationalen Verstand gehen, könnten höheres geistiges Wissen keinesfalls erfassen.

Er lehrte, dass ein nach der Wahrheit des Dao Strebender, sich nicht an Lehrsystemen, insbesondere verschiedenen Schulen und nicht an Lehrern orientieren solle. Denn dadurch würde er den Weg des wahren Dao verfehlen und nie den Zustand seiner Erleuchtung (= „erhellen“ – bezeichnet eine religiös-spirituelle Erfahrung, bei der das Alltagsbewusstsein eines Menschen überschritten wird und eine besondere dauerhafte Einsicht in eine, wie auch immer geartete gesamtheitliche Wirklichkeit erlangt wird) erreichen.

Aus der Wu-Mythologie (吴) wird überliefert, dass das reine Wissen direkt auf die Allerersten zurückgeht. Diese waren dem Mythos entsprechend, höhere Wesen, die vor über 12.000 Jahren auf die Erde kamen, um den Menschen den rechten Weg, den Weg des Dao, aufzuzeigen. Sie sind dann in den Kreislauf der Wiedergeburten eingetreten, haben teilweise Positionen in den unteren Ebenen des siebenten Gefäßes besetzt, zu denen auch unser physisches dreidimensionales Universum gehört oder sind durch ständige Wiedergeburten wandelnd, bis heute unerkannt unter den Menschen geblieben. Ihre Tempel waren die „Ming Tang“-Tempel („Tempel des Lichtes“), wo neben zahlreichen Artefakten auch ihr Wissen bewahrt wurde und von denen nur ein einziger noch bis heute existiert – der „Ming Tang Si des Yu Shen“ (der „Tempel des Lichtes des Jade-Gottes“).

Die daoistische Richtung, die wohl als die authentischste angesehen werden kann, ist der „Rote Lotos„, ein Bund wo es besonders stark auch um die Einbeziehung der Sexual-Energie ging, um sexual-magische Praktiken und um die völlige sexuelle Öffnung und das exzessive Praktizieren der Sexualität mit möglichst wechselnden Partnern ging. Seit dem Ende der Tang-Dynastie wurde diese Richtung zunehmend stärker verdrängt. Sowohl dem Buddhismus, als auch dem Konfuzianismus waren diese Denkweisen eher befremdent. Seit der Qing-Dynastie, besonders extrem aber seit der kommunistischen Machtübernahme wurden solche Denkweisen bzw. das Praktizieren unter hohe Strafen gestellt. Es konnte daher nur im Geheimen überleben. Während noch heute die sexuelle Spiritualität einst als wichtigste Möglichkeit im Daoismus angesehen wurde, ist sie im heutigen in der VR China offiziell praktiziertem Daoismus völlig verschwunden.

 

Der Daoismus als Volksreligion

zhen wu temple--Seit alters her verwendeten daoistische Philosophen bildhafte Geschichten und alte Volkssagen, um ihre Gedanken zu erläutern. Seid der Han-Zeit wurde der Daoismus mehr und mehr mit volkstümlichen Bräuchen und Riten verbunden. Auch buddhistische Elemente hielten Einzug in die daoistischen Praktiken. Die daoistische Religion wurde polytheistisch (Vielgötterei) und definierte sich durch eine gemeinsame liturgische Tradition. Die Liturgien wurden von Dao Shi (chinesisch 道 士), daoistischen Priestern und Priesterinnen, ausgeführt. Es entstand ein reichhaltiger Götterhimmel, dessen genaue Ausformung sich von Schule zu Schule unterscheiden konnte, in dem sich aber drei oberste Gottheiten, die Drei Reinen, herauskristallisierten: Yuan Shi Tian Zun (der „Himmelsehrwürdige des Uranfangs“), Dao Jun oder Ling Bao Tian Zun (der „Herr des Dao“ als der „Himmelsehrwürdige des magischen Juwels“ und Dao De Tian Zun oder Tai Shang Lao Jun (der „Himmelsehrwürdige des Dao und des De“ bzw. der höchste Herr Lao, welcher der vergöttlichte Lao Tse ist).

20160209_161424----Das liturgische System bildet den formalen Rahmen für unterschiedliche lokale Kulte und das daoistische Pantheon wird bevölkert von kosmischen Gottheiten, Naturgöttern, Dämonen, Geistern, Unsterblichen (Xian – 仙 / 仚 / 僊 Xiān, W.-G. Hsien) und Vollkommenen (Zhen Ren – 真人 Zhēnrén = „Wahrer Mensch“; ein Ideal des Daoismus und Buddhismus, dort auch als Arhat bezeichnet – Im Daoismus hat ein Zhen Ren die Wahrheit erlangt, existiert in Einheit mit dem Universum und verwirklicht das Dao. Dieser Zustand wird mit der Erleuchtung gleichgesetzt, da der wahre Mensch vollkommen frei ist von Konzepten, Vorstellungen und Beschränkungen und so die absolute Freiheit und die Leere des Dao besitzt.).
Sitz des Pantheons innerhalb der pgysischen Welt sind heilige Berge und Grotten, die ein mikrokosmisches Abbild des Makrokosmos darstellen, sowie Tempel, Altar und Körper.

Durch die „Himmelsmeister-Kirche“ Zhang Dao Llings (chin. 张道陵/張道陵) vollzog sich Mitte der Han-Dynastie eine gewisse Vereinigung der verschiedenen daoistischen Gemeinschaften. Diese starke und breitenwirksame Organisation wurde während der Sui- und Tang-Dynastie zu einer echten Volksreligion und religiösen Macht. Die Dynastie der Tang vertrat, von Lao Tse direkt abzustammen und machte dessen Verehrung zu einem offiziellen Kult. Der daoistische Kaiser Xuan Zong (唐玄宗; * 685; † 3. Mai 762) gründete landesweit daoistische Tempel und hatte eine große Vorliebe für daoistische Rituale. Aus der Tang-Dynastie gibt es neben der Ming-Dynastie die meisten daoistischen Schriften. Sie waren die Blütezeiten des Daoismus.

Unter der Song-Dynastie (960–1279) wurde der Daoismus vollständig in die Volkskultur integriert, u. a. dadurch, dass die lokalen und regionalen Organisationen durch Kaiser Zhen Zong zu einem Netzwerk offiziell geförderter Tempel zusammengeschlossen wurden, die auch säkulare Aufgaben, wie die Organisation von Märkten und das Eintreiben der Handelssteuer übernahmen.

Als Chinas letzte Dynastie, die Qing (chinesisch 清朝 qīng cháo, W.-G. ch’ing ch’ao, auch Mandschu-Dynastie), im Jahre 1644 gegründet wurde, wurde der Daoismus mit Restriktionen und Verboten belegt, da die Qing dem orthodoxen Konfuzianismus nahestanden und die Mandschu Angst vor einem chinesischem Nationalismus hatten, weshalb sie lokale Organisationen unterdrückten. Im Taiping-Aufstand 1849 wurden dann sämtliche Tempel, sowohl buddhistische als auch daoistische, zerstört und im Verlauf des 20. Jh. verstärkte sich die Tendenz immer mehr, die ursprüngliche chinesische Religion zu zerstören.

 

Daoistische Praktiken

mann_vorneIm Laufe der Jahrhunderte entstanden in China eine Vielzahl daoistischer Schulen mit unterschiedlichen Lehrinhalten und Praktiken. Ein Hauptmerkmal des religiösen Daoismus war jedoch in vielen Schulen die Suche nach Unsterblichkeit. Viele Praktiken haben ihre Ursprünge in den Praktiken der Fang Shi (方士) des Altertums. Der daoistische Kanon Dao Zang (道藏), der in seiner letztgültigen Fassung 1442 zusammengestellt wurde, gibt von den unterschiedlichen Praktiken einen Eindruck. Er enthält Tausende von Werken. Seine Texte handeln u. a. von Philosophie, Liturgie, Ritualistik, Magie, Sexualpraktiken, Kräuter-Medizin (gemeint ist hier die authentische chinesische Medizin, nicht die maoistisch geprägte moderne Form der „Traditionellen Chinesischen Medizin / TCM“ – die einzige heute noch bekannte authentische Form ist die „Chinesische Kaiser-Medizin“), Feng Shui (風水 / 风水 – „Wind und Wasser“ – Geomantie-Lehre die sich darauf bezieht, die Umgebung des Menschen nach bestimmten Prinzipien zu ordnen, um Glück, Erfolg und Harmonie zu erzeugen.), Imagination und mythischen Welten, Hagiographien (Leben von Heiligen), dem Yi Jing  (chinesisch 易經 / 易经, – I Ging, „Buch der Wandlungen“ oder „Klassiker der Wandlungen“), Alchemie, Moral, Meditationstechniken und Hymnen.

Die ersten Texte, die eine detaillierte Beschreibung der nach innen gewendeten Meditation gaben, waren die ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. entstandenen der Shang Qing-Schule (上清 – „Schule der Höchste Reinheit“), nämlich das „Shang Qing Jing“ („Buch der großen Reinheit“). Die Shang Qing-Meditationen enthalten unterschiedliche Elemente: der Adept verkehrt rituell und imaginativ mit Göttern, rezitiert heilige Texte und visualisiert und durchläuft komplex strukturierte Elemente und Prozesse der Kosmologie, Mythologie und Symbolik des Daoismus. Die Visualisationen dieser Schule stellen Reisen in geistige Welten dar, wie sie schon von den Schamanen der Xia- und Shang-Zeit ausgeführt wurden. Sie führen in Reiche der irdischen Paradiese, der Götter, der stellaren Welten, der Bewegungen von Yin und Yang und der verschiedenen Formen von Qi (Energie). Das Ziel der komplexen Techniken ist es, durch die Harmonisierung von Geist und Körper zur aißerkörperlichen ursprünglichen Einheit zurückzukehren.

Im Streben nach Unsterblichkeit entwickelten Daoisten viele alchemistische Techniken, später dann auch Techniken der äußeren Alchemie (Wai Dan – 外 丹, „Äußerer Zinnober“ bzw. „Äußeres Elixier“. Einer der Vertreter dieser Richtung war Ge Hong (葛洪; * um 280; † um 340).

Etwa seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. wurde versucht, Elixire oder Pillen herzustellen, die das Leben verlängern. Dabei spielten Zinnober (Dan), Quecksilber (Gong) und Gold (Jin) eine besondere Rolle. Durch die Eigenschaften, die sie in chemischen Reaktionen zeigen, galten sie als Elemente, die die Unwandelbarkeit in äußerlicher Veränderung (ein zentrales Merkmal des Dao) verkörpern. Viele, die sich von den Pillen Langlebigkeit versprachen, starben aber durch fehlerhaftes Wissen bzw. falsche Anwendung an Quecksilbervergiftung, was wohl einer der Gründe dafür war, dass die äußere Alchemie bis zum Ende der Tang-Zeit immer unpopulärer wurde und verstärkt eine Hinwendung zur inneren Alchemie (Nei Dan – 内 丹‚ „Innerer Zinnober“ bzw. „Inneres Elixier“) stattfand.

Die Shang Qing-Meditationen sind eine der Übungen der inneren Alchemie, die sich im 9. Jh. dann in der Verbreitung vollends durchsetzte. Anstatt nur Substanzen im Labor zu mischen, wurde hier gleichzeitig auch der eigene Körper und Geist als „inneres Labor“ verstanden. Es wurde nun mehr unterrichtet, auch durch meditative Techniken das uranfängliche Chaos zu strukturieren und durch Kultivierung von Vitalität (Jing), Energie (Qi) und belebendem Geist (Shen) die Leere und Einheit zu verwirklichen.

Voraussetzung für diese Praktiken sind umfangreiche Kenntnisse darüber, dass Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt, dass Kosmos, Erde und Mensch analog strukturiert sind und sich in allen Details entsprechen.

Lingbao_TalismanEine Schule, die sich durch buddhistische Beeinflussung verstärkt dem liturgischen Ritual zuwandte, war die Ling Bao Pai (靈寶派 – „Schule des heiligen Juwels“ oder „Schule des göttlichen Schatzes“). Eine der Hauptpraktiken, auch des heutigen Daoismus, stellen die daoistischen Rituale dar.

 

 

 

 

 

Der Daoismus im modernen China

Fotorechte von Chong Fat

Copyright by: Chong Fat

Heutzutage, im 20. Jahrhundert zeichnet sich der Daoismus dadurch aus, dass es keine einheitliche Lehre mehr gibt, sondern eine Vielzahl von Theorien und Praktiken, darunter auch zahlreiche sektiererische Entwicklungen und unorthodoxe Bewegungen.

Unter der sozialistischen Diktatur wurden sämtliche Religionen in China extrem unterdrückt und rücksichtslos verfolgt. Während der Kulturrevolution wurden zahlreiche viele Klöster und Tempel zerstört, Schriften vernichtet und die Mönche und Nonnen in Konzentrationslagern „umerzogen“ bzw. getötet.

Im Untergrund waren die daoistischen Lehren in China jedoch auch weiterhin vorhanden. Mittlerweile besinnt man sich aber auch in der „Volksrepublik China“ wieder auf das religiöse Erbe sowie das daoistische Handlungswissen in Bezug auf die Heilkunst. Viele Klöster und Tempel wurden sogar mit staatlicher Unterstützung wieder aufgebaut, Ausbildungsstellen für Mönche und Nonnen geschaffen und sogar einige universitäre Forschungsstellen richtete die Regierung für den Daoismus ein.

Fotorechte von Benjiho - daoistischer Zushih Temple- Sansia- Taiwan

Copyrigth by: Benjiho

Es gibt um die Jahrtausendwende in der VR China ungefähr 3.000 daoistische Heiligtümer, die von ca. 25.000 Nonnen und Mönchen bewohnt werden. Die daoistischen Tempel sind teilweise ökonomisch unabhängig, indem sie Hotels, Restaurants, Teehäuser oder Souvenirgeschäfte und Kampfkunst-Schulen betreiben. Vermehrt engagieren sich daoistische Organisationen sogar in öffentlichen Bereichen, wie dem Umweltschutz, der Bildung oder der Katastrophenhilfe.

Der Staat hat in der modernen Volksrepublik eine „offizielle Version“ des Daoismus durchgesetzt, die Wohlwollen, Patriotismus und den Dienst an der Öffentlichkeit betont. Die Ausbildung eines Daoisten in der Rot-China umfasst daoistische Doktrin, Rituale, Musik, Kalligrafie, Philosophie, Kampfkunst und die englische Sprache.

1956 wurde die „Daoistische Vereinigung Chinas“ gegründet und 1957 registriert. Sie hat ihren offiziellen Sitz im Bai Yun Guan (北京白云观 – „Tempel der Weißen Wolken“) in Beijing. Entsprechend ihrer Zielsetzung wird die dortige Vereinigung von der Volksregierung Chinas selbst geführt und hat die Aufgabe, alle Daoisten des Landes zu vereinigen, das Land und den Daoismus zu lieben, die Verfassung, Gesetze, Regeln und die Politik des Landes zu beachten, das Erbe des Daoismus zu pflegen (soweit es in die moderne Politik und Zielsetzung paßt), sowie geistliche Angelegenheiten auszuüben. Der aktuelle chinesische Daoismus ist somit eine moderne stark selektierte Variante, der nur zum kleinen Teil noch mit ursprünglichen authentischen Sichtweisen und Lehren übereinstimmt. Besonders der Bereich der Sexualität nahm im authentischen Daoismus den höchsten Stellenwert ein und wurde schon von Huang Di (dem „Gelben Kaiser“) bereits vor 4.700 Jahren als weitaus wichtiger angesehen, als die Kräuter-Medizin oder die richtige energetische Ernährung, denn nur über den Weg der Sexualität war eine wirkliche Gesundheit, Langlebigkeit, spirituelle Erleuchtung und der Aufstieg möglich. Doch die aktuelle politische Führung Rot-Chinas sieht die Sexualität keinesfalls mehr als eine äußerst heilige, achtens- und erstrebenswerte Sache an, sondern im Gegenteil. Sie wird mit Abscheu als Perversion betrachtet und streng verfolgt, soweit sie sich außerhalb einer privaten Partnerschaft antreffen läßt. Daher sind sexuelle Rituale, erotische Massagen und Liebesdienste ebenso verpönt und strengstens verboten, wie Bordelle und käufliches Sex jeglicher Art. Zuwiderhandlungen werden mit heftigsten Strafen geandet (Mindestmaß: 7 Jahre Haft in Umerziehungslagern und teilweise Beschlagnahmung des gesamten persönlichen Vermögens). Daher ist es nicht verwunderlich, dass die offizielle „Daoistische Vereinigung Chinas“ keine Spur der Sexual-Magie mehr in ihren Schriften, Riten, Lehren oder Proklamationen mehr hat und dieses mehr als heikle Thema extrem scheut und vermeidet. Organisationen wie der „Rote Lotos“ sind in China daher selbstverständlich strengstens verboten. Auch sind viele daoistische Priester gar nicht offiziell gemeldet und gehören so auch nicht den Regierungsorganisationen an, sodass die derzeitigen offiziellen Statistiken eher sehr widersprüchlich sind.

Fotorechte von Jakub Hałun

Copyrigth by: Jakub Halun

Die wieder aufgebauten Tempel sind gut besucht und zu einigen Anlässen wie dem Laternenfest (燈節 / 灯节Dēng Jié oder Yuan Xiao-Fest – 元宵節 / 元宵节Yuán XiāoJié) kommen Zehntausende von Pilgern, woraus man schließen kann, dass der Daoismus auch in der Volksrepublik wieder eine größere Rolle spielt.

Von dieser sehr starken Einschränkungen unterworfenen Religions-„Freiheit“ ausgeschlossen sind staatlich nicht zugelassene und damit nicht kontrollierbare daoistische Gemeinschaften. Sie gelten als „Sekten“ und häretische Kulte und sind teils starker staatlicher Verfolgung ausgesetzt. So werden auch die Anhänger des Yi Guan Dao (一贯道 – „Weg des alles durchdringenden Prinzips“) oder Huang Tian Dao („Weg des Gelben Himmels“) noch heute besonders stark verfolgt. Während in den 1950er Jahren Christen überwiegend langjährige Haftstrafen verbüßten, wurden Yi Guan Dao-Anhänger nach ihrer Verhaftung meistens hingerichtet. Noch in den 90er Jahren gab es Verhaftungen von Yi Guan Dao-Gläubigen. Der Grund für die deutlich härtere Verfolgung ist geschichtlich bedingt, da gerade die Yi Guan Dao-Bewegung mehrfach an revolutionären Bewegungen beteiligt war und im Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 auch massiv die Kommunisten als Unterdrücker bekämpfte.

Viele dieser Daoisten flohen damals nach Taiwan oder Südostasien, insbesondere Vietnam, wo der daoistische Kultus nach wie vor blüht.

Im heutigen China existieren nur noch zwei Hauptlinien der religiösen daoistischen Tradition, der Quan Zhen-Daoismus (全真道 – „Schule der vollständigen Wahrheit“), auch als Nei Dan (内丹 – „Innerer Zinnober“ bzw. „Innere Alchemie“), bezeichnet, und der Zheng Yi-Daoismus („Schule der orthodoxen Einheit“), welcher direkt auf die Tradition der Himmelsmeister zurückgeht.

Die Quan Zhen-Daoisten (全真道) leben monastisch (klösterlich) und zölibatär und legen die Hauptpraxis auf Meditation, während die Zheng Yi-Daoisten auch heiraten dürfen und in priesterlichen und magischen Funktionen, beispielsweise als Ritualpriester bei Tempeln, Familien und Einzelpersonen, d. h. auch bei Begräbnis- und Hochzeits-Riten oder Exorzismen und Heilungen arbeiten. Der Zheng Yi-Daoismus besitzt im Gegensatz zum Quan Zhen (全真道), der stark buddhistisch beeinflusst ist, eine ausgeprägte Ritualistik und magische Praktiken. Die Rituale führen sich zu einem großen Teil auf die Schule der Ling Bao Pai (靈寶派 – „Schule des heiligen Juwels“ oder „Schule des göttlichen Schatzes“) zurück. In den Tempeln, in die die Zheng Yi-Priester eingeladen werden, werden meistens Lokalgötter verehrt. Viele volkstümliche Elemente, sowie auch teilweise schamanistische Elemente wurden in den heutigen Zheng Yi-Daoismus aufgenommen.

Fotorechte von Bernard Gagnon - daoistischer Tempel Taiwan innen

Copyrigth by: Bernard Gagnon

Es werden Rituale zu vielen Anlässen durchgeführt, so z.B. zum Geburtstag eines Lokalgottes, zur Restauration eines Tempels oder um eine neue Götterstatue einzuweihen. Ein Ritual kann oft bis zu neun Tage dauern und ist häufig verbunden mit Theateraufführungen, Prozessionen und Opfern. Viele Rituale sind ausgeprägt liturgisch. Das Haupt-Ritual ist eines der kosmischen Erneuerung und Rückverbindung.

Die monastische Quan Zhen-Schule (全真道) unterscheidet sich vom Zheng Yi durch das zurückgezogene Leben der Adepten in der Meditation und inneren Alchemie, ohne der Allgemeinheit die Arbeit in einem praktizierten Ritual-Service anzubieten. Innere Alchemie strebt nicht nach Herstellung eines Stoffes oder physischer Unsterblichkeit, sondern ist eine Erleuchtungstechnik, eine Methode der Ordnung von Selbst und Welt. Sie ist eine operative Disziplin, die durch einen schöpferischen Akt zur Geburt eines neuen Menschen führen soll und die Erhöhung des Geistes über die Welt anstrebt. Da in der Quan Zhen-Schule (全真道) viele Elemente des Buddhismus übernommen wurden, besitzt sie einen stark spekulativen Charakter und die Texte dieser Schule sind durch bestimmte Merkmale charakterisiert: die geistige und physische Schulung, die Praxis unterschiedlicher Techniken wie Atemübungen, Visualisationen und innerer Alchemie, die Übernahme bestimmter Spekulationen des Buddhismus, z. B. über Wu (Leere) und You (Dasein) und die Methode der Gong Ans (chinesisch 公案, jap. 公案 – Koan, viet. công án – „Öffentlicher Aushang“ – ist im chinesischen Chan- bzw. japanischen Zen-Buddhismus eine kurze Anekdote oder Sentenz, die eine beispielhafte Handlung oder Aussage eines Zen-Meisters, ganz selten auch eines Zen-Schülers, darstellt), die Übernahme konfuzianischer Werte und die systematische Verwendung des Yi Jing (I Ging) sowie alchemistischer Techniken in einer metaphorischen, geistigen Form.

Techniken der Shang Qing-Schule (上清 – „Höchste Reinheit“) werden nach wie vor von Zheng Yi und Quan Zhen (全真道) praktiziert.

 

Der Daoismus im Westen

Die Geschichte der Rezeption des Daoismus in der westlichen Welt ist ungefähr 200 Jahre alt, und vor allem das Dao De Jing beeinflusste u.a. Kunst, Literatur, Psychologie und Philosophie.

Die erste Übersetzung des Dao De Jing ins Lateinische durch einen Jesuiten, stammt aus dem Jahr 1788. Von den 60er Jahren des 19. Jh. bis Anfang des 20. Jh. erschienen dann größere Mengen an Lao Tse-Übersetzungen, die hauptsächlich von Missionaren angefertigt wurden, sodass es nicht verwunderlich ist, dass die meisten dieser Übersetzungen tendenziös christlich sind. Auch die im deutschen Sprachraum bekannteste Übersetzung von Richard Wilhelm kann ihren christlichen Hintergrund nicht leugnen.

Im 19. Jh. wurde dann die Rezeption des Daoismus im Westen stark durch die Theosophische Gesellschaft, die eine Mischung aus indischer Mystik und westlichem Okkultismus propagierte, beeinflusst.

Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich das Interesse an östlicher Weisheit und insbesondere die Pazifisten wandten sich dem Wu Wei, dem Nicht-Handeln zu. So rief beispielsweise der deutsche Dichter Klabund im Jahr 1919 in seiner Schrift „Hör es Deutschland“ das Volk auf, nach dem heiligen Geist des Dao zu leben, und in Deutschland brach durch die Übersetzungen des Zhuang Zi und des Lao Tse durch Richard Wilhelm und durch Martin Buber eine regelrechte Daoismus-Euphorie aus, die sich unter Literaten und Künstlern verbreitete. So wurden insbesondere Hermann Hesse, Alfred Döblin und Bertolt Brecht durch diese Übersetzungen beeinflusst.

Alfred Döblins Roman „Die drei Sprünge des Wang-Lun“ und Charles Waldemars „Das Kleinod des Lao-Tse“ zeigen zum Beispiel eine starke Annahme daoistischen Gedankengutes, insbesondere des Wu Wei, und Hermann Hesses gesamtes Werk ist von östlicher Philosophie durchdrungen. Prominentestes Zeugnis von Bertolt Brechts intensiver Auseinandersetzung mit dem Daoismus seit etwa 1920 („… der stimmt mit mir so sehr überein“) ist sein 1938 entstandenes Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Lao Tse in die Emigration“.

Die Rezeption des Daoismus durch die Tiefenpsychologie fällt auch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Carl Gustav Jung fand in Übersetzungen der daoistischen Werke „Das Geheimnis der goldenen Blüte“ und des älteren „Yi Jing“ (I Ging) durch Richard Wilhelm starke Anregungen zur Entwicklung seiner eigenen psychologischen Theorien und er schrieb zu beiden das Vorwort.

In den 1920er Jahren wurden dann die Ideen des Daoismus von dem damals populären Philosophen Hermann Graf Keyserling aufgenommen und verbreitet, der in den daoistischen Klassikern die tiefsten Aussprüche zur Lebensweisheit fand.

Auch der Philosoph Martin Heidegger wurde durch Übersetzungen daoistischer Texte durch Richard Wilhelm und Martin Buber inspiriert, jedoch auch der Zen-Buddhismus beeinflusste sein Werk. Heideggers nicht nihilistische Darstellung vom Nichts als „Fülle“ scheint direkt auf den Daoismus zurückzugehen.

Karl Jaspers, ein anderer Existenzphilosoph des 20. Jahrhunderts schrieb das Werk „Lao-tse/Nagarjuna – zwei asiatische Mystiker“, in dem er sich um das Verständnis des Daoismus bemühte, und auch Ernst Bloch setzte sich mit dem Daoismus auseinander.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Daoismus in der westlichen Welt auch durch Exil-Chinesen verbreitet, die sich aufgrund der politischen Zustände in ihrem Heimatland, z.B. in den USA aufhielten. Ein prominenter Vertreter war etwa Gia Fu Feng, der seit 1947 permanent in den USA lebte und dort den Daoismus zu lehren begann. Insbesondere die Beatniks wie Jack Kerouac oder Alan Watts waren teilweise stark dadurch beeinflusst: „Gia Fu was The Real Thing”. Auch in Europa fand er zahlreiche Anhänger. Über den Zen-Buddhismus fand der Daoismus weiteren Eingang in die westliche Kultur. Breiten Raum fand dabei die Darstellung des Daoismus als Ursprung des Zen wie z. B. in Alan Watts Werk „The Way of Zen“. Diese Ideen fanden später auch in der Hippie-Bewegung Verbreitung.

In den 1970er und 1980er Jahren wurde das Dao als Heilmittel für die erkrankte westliche Kultur in Europa gesehen. Der Daoismus wurde trivialisiert und vornehmlich auf die ältere Yin und Yang-Lehre bezogen und breitete sich in dieser Form in der New Age-Bewegung aus.

Nach Fritjof Capras „Das Tao der Physik“ von 1976 erschienen dann größere Mengen an populärdaoistischen und trivialisierenden Werken wie „Das Tao-Kochbuch“ oder „Easy Tao“, wobei Capras Ansatz eine verstärkt oberflächliche Popularisierung des Dao eingeleitet hatte. Peter Sloterdijk reagierte demgemäß in seinem Buch „Eurotaoismus“ spöttisch auf dieses „östliche Philosophie fast food“.

Inzwischen ist der Daoismus durch die Esoterik-Welle zum integralen Bestandteil der westlichen Kultur geworden und ein Viertel des Esoterik-Buchhandels wird mit Werken zum Daoismus bestritten.

 

Alle Texte und Beiträge spiegeln die Meinung des jeweiligen Autors wider und reflektieren nicht zwingend die Meinung der „Daoistischen Vereinigung Deutschlands“ (Dao-Verein).

Unterschiedliche Transkriptionen

Chines. vereinf. Pīnyīn Wade-Giles Lessing-Othmer
Dào Tao Tao Dau
道教 道教 Dàojiào Tao-chiao Taoismus Dauismus
道家 道家 Dàojiā Tao-chia Taoismus Dauismus
老子 老子 Lǎozǐ Lao-tzu Laotse Lao-Tse
道德經 道德经 Dàodéjīng Tao-te-ching Tao-te-king Daudedsching
莊子 庄子 Zhuāngzǐ Chuang-tzu Dschuang Dsi
太極 太极 Tàijí T’ai-chi Tai Chi